Früher war es die Moral, heute ist es der Sexismus?

Um 1890: Ausgrenzung beim öffentlichen Baden

Frauen des 19. Jhs. entkleideten sich üblicherweise in sogenannten Badekarren, um unbeobachtet ins Wasser zu gelangen. Dieser Umstand lässt sich vor allem auf die konservative, katholisch geprägte Gesellschaft zurückführen, in deren Interesse es lag, die Frau beim Baden in der Öffentlichkeit weitgehend auszugrenzen. Bei Verstößen war mit Denunzierungen und Bestrafungen zu rechnen. Die schweren Stoffschichten führten gerade beim Baden im Meer nicht selten zum Tod durch Ertrinken. 

1922: Verhaftungen am Strand

Im Zuge der ersten Welle des Feminismus im frühen 20. Jh. wehrten sich zunächst Schwimmsportlerinnen und vereinzelte schwimmbegeisterte Frauen gegen die konservative Weltanschauung, die den weiblichen Körper als etwas Schmutziges und Unanständiges wertete. Mutige Protagonistinnen nahmen sogar Verhaftungen in Kauf, um für ihre Rechte einzutreten. 

1946: Erster Bikini entblößt den Bauchnabel

 Die Erfindung des Bikinis durch den Franzosen Louis Réard sorgte 1946 für einen massiven Skandal, da er als erstes Badekleidungsstück den Bauchnabel freilegte. Vorgeführt wurde der knappe Zweiteiler von einer Nachtclubtänzerin, da gewöhnliche Mannequins befürchteten, durch die Präsentation ihren Ruf zu ruinieren. Die sexualkonservativen und körperfeindlichen 1950er Jahre verzögerten eine Etablierung des Bikinis in breiteren Gesellschaftsschichten. sogar Verhaftungen in Kauf, um für ihre Rechte einzutreten. 

1971: Sexuelle Revolution und der Bikini

Im Zuge der sexuellen Revolution und der Emanzipationsbewegung in vielen westlichen Ländern begannen Frauen breiter Bevölkerungsschichten im Laufe der 1960er Jahre den skandalösen Bikini auch beim Baden am See und im Freibad zu tragen. Der revolutionäre Zweiteiler wurde schrittweise von seinem anrüchigen Image befreit und zu einem  chillernden Symbol der Befreiung der Frau.
Foto von Wannsee.

1980: Batteriewerbung „Da springt jeder an!“

Die Badebekleidung verließ ab den 1970er Jahren schrittweise ihr Terrain Sonne, Urlaub, Pool und Strand und wurde als Werbedress für Produkte verwendet, die damit nichts gemein hatten. Autos, Baugeräte, Getränke oder Zigaretten – mit einem Bikini steigt das Interesse. Die Bezeichnung eines Werbegirls als „Sexobjekt“ ist dann begründet, wenn die sexualisierte Darstellung einer Frau ohne erkennbaren Bezug zu einem Produkt oder einer Marke steht und das Modell lediglich als eine Art Dekoration fungiert. 

 2016: Bikiniwerbung sorgt für Skandal in Münchner Innenstadt

 Im Jahr 2016 erregte eine Bikini-Werbung der Marke „Calzedonia“ am Münchner Marienplatz, die das brasilianische Model Adriana Lima im Zweiteiler zeigte, einen immensen Skandal. Kritisiert wurde vor allem die sexualisierte Darstellung, die jungen Mädchen und Frauen suggerieren würde, dass nur ein schlanker, trainierter Körper als attraktiv gelten könne. Die Stimmen der Befürworter/innen eines Verbots sexualisierter Reklamen werden heute zunehmend lauter. Bei genauerem Betrachten zeigt sich dennoch, dass die im Laufe der Jahrhunderte geführten Diskurse über den weiblichen Körper von einer großen Ambivalenz geprägt sind: Die gesellschaftliche Wahrnehmung changiert stets zwischen Stigmatisierung und Objektifizierung.

Heute sind Diskussionen rund um sensible Themen wie Sexismus und Feminismus nicht zuletzt aufgrund von Bewegungen wie #metoo aktueller denn je und von weltweiter Bedeutung. Besonders im Hinblick auf den Umgang mit Badekleidung spiegeln sich die verschiedenen Positionen wider, da in kaum einem anderen Bereich des Alltags der leichtbekleidete Körper der Frau öffentlich sichtbar wird. Dieser Diskurs sollte dennoch unter Berücksichtigung des historischen Kontexts erfolgen:

Der weibliche Körper war bis weit ins 20. Jh. hinein mit einem Stigma des Unanständigen besetzt. Frauen, die es wagten, beim Baden gegen die strengen Kleidervorschriften zu verstoßen, mussten mit Denunzierungen und Bestrafungen rechnen. Die skandalöse Freilegung des Bauchnabels durch die Erfindung des Bikinis im Jahr 1946 kann deshalb durchaus als Meilenstein der Emanzipation bezeichnet werden, wenn man bedenkt, dass viele Frauen aufgrund der schweren, mehrschichtigen Badekleidung ertrunken sind.

Im Zuge der Etablierung des Bikinis als Badekleidung in den 1960er-Jahren wurde er zunehmend auch als Werbedress in sexualisierten Reklamen verwendet.

Während manche Stimmen den knappen Zweiteiler heute immer noch als Symbol der Befreiung der Frau zelebrieren, fordern einige Kritiker/innen Frauen vermehrt dazu auf, ihre Körper zu bedecken, um nicht zu Sexobjekten degradiert zu werden.  Die Instrumentalisierung des weiblichen Körpers als Produktwerbemittel scheint ein reaktionäres Frauenbild zu fördern, das den Models eine individuelle Persönlichkeit abspricht.

Um eine zeitgerechte Meinungsbildung zu fördern und einen gemeinsamen Diskurs voranzutreiben, hat das BikiniARTmuseum das Forum „Befreiung contra Sexismus“ initiiert.  Wir möchten einen kollektiven Prozess anstoßen, gemeinsam breit diskutieren und eine zeitgerechte Meinungsbildung fördern. Wir möchten nicht nur die historische Entwicklung der Bademode beleuchten, sondern die Diskussion mit in den Vordergrund stellen – Befreiung contra Sexismus abwägen.

Um einen dynamischen Prozess entstehen zu lassen, ist deine Meinung gefragt:

  • Wie wird in der heutigen Gesellschaft die Grenze definiert?

  • Was ist in der Öffentlichkeit möglich? Wann werden Grenzen überschritten?

  • Welche Bikini-Darstellungen sind als selbstbestimmt zu bezeichnen? Welche als Objektifizierungen?

  • Welche Gedanken und Emotionen ruft die Thematik in dir hervor?

  • Hast Du bereits Erfahrungen mit Sexismus gemacht?

  • Hast Du Ratschläge für Betroffene?

Teile deine Ansichten und Bilder mit uns auch gerne über den #bikinivoices über Instagram oder Facebook! So schaffen wir ein Forum zur gemeinsamen Diskussion!

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Meinungen und Gedanken von Besuchern zum Thema „Befreiung contra Sexismus“

„Ich finde, jeder sollte sich in seinem Körper wohl fühlen und das tragen was er will.
Das Bikinimuseum ist mega! Ich habe jetzt viel mehr Selbstbewusstsein! DANKE!“

„Es ist schön zu sehen, wie weit die Befreiung und die Selbstbestimmung gekommen ist und doch stelle ich mir die Frage, wie viel freier Willen das ist und wie viel Kollektivismus doch das alles treibt.“

„Einerseits bin ich wütend und traurig darüber, dass Frauen so lange kämpfen mussten, um die Freiheit zu bekommen, selbst entscheiden zu können, was sie tragen möchten. Andererseits bin ich sehr stolz darauf, dass Frauen es geschafft haben!“