Auf den Spuren der Badekultur – Vom keuschen Badehemd zum knappen Fio Dental 

Von wegen schmutzig! – Florierende Badekultur im europäischen Mittelalter 

Die Blütezeit der europäischen Badekultur begann im scheinbar schmutzigen Mittelalter, als infolge der Ausbildung des mittelalterlichen Stadtwesens im 12. Jh. öffentliche Badstuben entstanden. Diese dienten zunächst nur der Körperreinigung, entwickelten sich aber bald zu feucht-fröhlichen Vergnügungsstätten, in denen man aß, trank und musizierte. Wenn nicht nackt gebadet wurde, verwendete man ein mit Schnüren befestigtes Tuch, welches nur das Nötigste bei Mann und Frau bedeckte. Als Orte der Unsittlichkeit waren die Badstuben der Kirche bald ein Dorn im Auge, weshalb man die Badebereiche nach Geschlechtern aufteilte und Baderegeln erstellte.

Syphilis, Pest und Cholera – Der Untergang der Badestuben im 16. Jahrhundert 

Nach 1500 kam das Badewesen durch die Verbreitung neuer Krankheiten wie Pest, Syphilis und Cholera in Verruf. Aus Angst vor Ansteckung wurde das Baden mit mehreren Personen gemieden und fast alle Badstuben im Laufe der Zeit geschlossen. Stattdessen wurden Teilwaschungen von Gesicht, Händen, Füßen und Haaren vorgenommen. Bis ins 18. Jh. hinein überdeckte der Adel unangenehme Gerüche fast ausschließlich mit Puder und Parfüm.  Die breite Bevölkerung ging zudem nach Geschlechtern getrennt in Seen und in Flüssen baden. Getragen wurden dabei meist einfache Badehemden, die Knöchel und Handgelenke bedeckten. 

Geburt der Badekarren – Gesundheitsreformation im 18. Jh. 

Im Zuge der Aufklärung reformierten sich auch die Vorstellungen von Gesundheit und Hygiene. Die Mediziner empfahlen nicht nur das Baden in warmen Quellen, sondern auch in offenen Gewässern. Gegen Ende des 18. Jh. verlor das Wasser seinen Schrecken und die ersten Seebäder eröffneten in England.  Frauen trugen zum Baden lange Flanell-Hemden, in welche meist schwere Gewichte eingenäht waren, damit der Stoff nicht an die Wasseroberfläche stieg.  Männer hingegen durften die heilende Wirkung des Wassers nackt genießen. Ebenso war man sehr darauf bedacht, die Geschlechter zu trennen, um die Sittlichkeit zu wahren. Mithilfe einer Badekarre, die ins Wasser gezogen wurde, konnten sich Frauen unbeobachtet ihrer Tageskleidung entledigen und so diskret ins Meer gelangen.

Zwischen Heilung und Lebensgefahr – Gefährliche Badesitten des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jh. wurden Kuren an der See vermehrt empfohlen, da man gesundheitsfördernde Qualitäten im wildbewegten Salzwasser vermutete. Badende Frauen trugen aus sittlichen Gründen mehrteilige Kostüme aus Wolle, Leinen oder Seide. Diese bestanden zusätzlich aus Haube, Hut, langärmeliger Bluse, Korsett, einer über den Knöcheln geschnürten Hose sowie aus Strümpfen und Schuhen. Das Schwimmen im Badekostüm kostete vielen Frauen mitunter das Leben, da es die Bewegungsfreiheit stark einschränkte und die Trägerin aufgrund des hohen Gewichts unter die Wasseroberfläche zog. Gegen Ende des 19. Jh. wurden die Ärmel und Hosenbeine kürzer. Matrosenkragen und Ankermotive begannen nach 1880 modern zu werden. 

Durchbruch der Wettkampfschwimmerinnen – Eingeschränkte Freiheit zur Jahrtausendwende

Nachdem der Schwimmsport bereits Ende des 19. Jh. für Männer hohe Popularität erlangt hatte, rückte das Wettkampfschwimmen der Frauen erst nach 1900 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Aufgrund von vorgeschriebenen Sitten, konservativen Moralvorstellungen und strengen Gesetzen waren Schwimmsportlerinnen dazu gezwungen, ihre Körper bei Wettkämpfen mit mehreren Stoffschichten zu bedecken, was sie in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte. Verstöße gegen Kleiderordnungen konnten durchaus streng bestraft werden: Als die australische Schwimmsportlerin Annette Kellermann 1907 in einem selbst entworfenen kurzen Badeanzug an einem Strand im Boston trainierte, wurde sie kurzerhand von einem Polizisten verhaftet.

Ein bisschen Spaß muss sein – Badevergnügen in den wilden Zwanzigern

Da der Vergnügungsaspekt des Badens Stück für Stück die ursprünglichen gesundheitsfördernden Aspekte überwog, entwickelte sich auch die Badekleidung in den wilden 1920er Jahren in eine neue Richtung. Gemeinsames Baden von Männern und Frauen wurde an vereinzelten Stellen zunehmend zur Normalität. Statt schweren Materialien wie Serge oder Flanell trugen nun beide Geschlechter Bademode aus leichtem Baumwolljersey. Im Laufe der Zeit wurden die Hosenbeine kürzer und der Rock verschwand bald gänzlich. Die Badeanzüge waren somit beinahe unisex, wenngleich die Frauen zusätzlich Badehauben trugen. 

Von der Sonne geküsst – Das braungebrannte Schönheitsideal der 1930er Jahre 

In den 1930er Jahren kam ein neuer Trend auf, der ebenfalls die Bademode prägen sollte: das Sonnenbaden. Mit dem Verschwinden des bleichen Schönheitsideals, das jahrhundertelang als unverzichtbares Attribut der Vornehmheit gegolten hatte, veränderte sich auch die Bade- und Strandbekleidung. Knappe Zweiteiler kamen in Mode, die in ihrem Aussehen der damaligen Lingerie ähnelten, wobei der Bauchnabel vollständig bedeckt blieb. Während sich im Rest Europas Zweiteiler an Stränden, Seen und in Bädern etablierten, war die Entwicklung der Bademode im nationalsozialistischen Deutschland u. a. durch den Zwickelerlass von 1932 gehemmt, welcher eine sittliche Bedeckung des Körpers und die Anbringung eines Stoffstücks („Zwickel“) im Schritt der Badekleidung vorschrieb.

1946 -  Das skandalöseste Kleidungsstück der Geschichte wird vorgestellt – Der Bikini

Während des Zweiten Weltkriegs stagnierte die Bademoden-Produktion in vielen Ländern Europas, da sich viele Firmen auf die Herstellung von Militärkleidung fokussierten. Nach dem Krieg etablierte sich Nylon aufgrund seines leichten Gewichts und seiner kurzen Trocknungsdauer als beliebtestes Material, aber auch Seide, Viskose und Baumwolle wurden gerne verwendet.

Am 5. Juli 1946, nur wenige Tage nach den verheerenden Atombomben-Tests der USA im Bikini-Atoll, detonierte inmitten Frankreichs eine „Bombe“ ganz anderer Art. Für diesen Tag hatte der französische Bademodendesigner Louis Réard eine Misswahl im bekannten Pariser Schwimmbad Molitor ausgerufen. Hier stellte er den bis dato kleinsten Zweiteiler der Welt vor, den „Bikini“. Symbolisch sollte der Bikini - damals eine absolute Provokation der Gesellschaft - mit der Sprengkraft der Atomversuche assoziiert werden. Und es wäre auch kein anderer Name passender gewesen, denn Réards „Erfindung“ schlug ein wie eine Bombe. Der Bikini, der von Micheline Bernardini – einer Nackttänzerin aus dem Casino de Paris – erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, wies ausschließlich an den intimsten Stellen ausreichend Stoff auf. Die Nachricht von einem derart skandalösen Kleidungsstück ging in den darauffolgenden Tagen wie ein Lauffeuer um die Welt. Das Entblößen des Bauchnabels galt damals noch als große Sittenlosigkeit, weshalb es knapp 16 Jahre dauern sollte, bis der provokante Zweiteiler auch in der breiten Bevölkerung populär wurde. Bis dahin war der Bikini an vielen Badeorten der Welt verboten. 

12 von 16 Originale des Bikini-Erfinders Louis Réard

Der unbeirrbare Louis Réard gilt als der Erfinder des Bikinis und die wenigen heute noch von ihm erhaltenen Bademodenstücke sind die wertvollsten historischen Zeitzeugen überhaupt. 16 Exemplare sind bekannt. Das BikiniARTmuseum besitzt unglaubliche zwölf Originale. Zwei befinden sich im erweiterten Familienbesitz und zwei sind ausgestellt in den Pariser Museen, dem Louvre und den „Musée Galliera”. Ghislaine Rayer, die weltweit führende Expertin für Lingerie- und Bademode, und Autorin des wichtigsten Buches über Bademode, „Bikini, la légende“, erklärt: „Louis Réard, der Schöpfer des Bikinis, war unglaublich visionär und seiner Zeit weit voraus. Seine Badeanzüge wurden von den großen internationalen Stars dieser Zeit und von Frauen der Pariser High Society getragen. Da sie hauptsächlich nach Maß gefertigt wurden, sind nur wenige erhalten geblieben. Das BAM ist das einzige Museum der Welt, in dem gleich mehrere der exklusiven Werke von Louis Réard zu sehen sind.” 

„Der Goldene Réard“ - Der historisch wertvollste Bikini der Welt

Es gibt nur eine erhalteneEinzelanfertigung von Louis Réard: „Der Goldene Réard”. Bei den Anderen handeltes sich um Serienanfertigungen. Der Goldene Réard wurde eigens für die Siegerindes „Miss Réard” Wettbewerbs kreiert. Die Experten schätzen dasHerstellungsjahr auf 1948. Der Goldene Réard ist ein ästhetisches Meisterwerkder Bademode. Er ist zeitlos, Farbe und Schnitt sind einzigartig. Dieser Bikinigilt selbst nach heutigen Vorstellungen als wunderschön. Der Goldene Réard istder historisch wertvollste Bikini der Welt.

Ab in die Sonne! – Urlaubsfieber in den 1960er Jahren

Mit der Vergünstigung von Flugreisen in den 1960er Jahren verbrachten viele Menschen aus kühleren Ländern ihren Urlaub in wärmeren Gefilden. Bademode in knalligen Farben spiegelte die Lust auf Sonne, Strand und Meer wider. Im Laufe des Jahrzehnts konnte sich der provokante Zweiteiler nun auch in der breiten Bevölkerung etablieren und wurde weltweit als Symbol der Emanzipation gefeiert. Im Jahr 1964 stellte Rudi Gernreich den Monokini vor, welcher die Brüste der Trägerin entblößte. Die Präsentation des provokanten Kleidungsstücks sorgte jedoch für einen weiteren Skandal und der freizügige Badeanzug konnte zunächst keinerlei Erfolg erzielen.

„Flower-Power“ in den 1970er Jahren und die Erfindung des Tangas

Psychedelische Muster waren besonders charakteristisch für die kreative Bademode der 1970er Jahre. In der „Flower-Power“-Ära waren mit Blumenmustern bedruckte Stoffe überaus populär. Parallel dazu zeichnete sich eine Tendenz zu immer knapper werdenden Stoffen ab. Aufreizende Bademode aus Rio de Janeiro verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die ganze Welt. Die sexuelle Revolution fand mitunter in der Erfindung des Tangas ihren Ausdruck. Schließlich wurde der hintere Teil des Unterteils durch eine Schnur ersetzt und der Fio Dental (zu deutsch: Zahnseidenbikini“) war geboren. Er gilt als Höhepunkt der Stoffverknappung in der Bademode.

Lange Beine und Oben-ohne – Die athletischen 1980er Jahre 

Typisch für die Schnittführung der Badeanzüge der 1980er Jahre waren die hüfthohen, athletisch wirkenden Beinausschnitte. Bikinis waren häufig als zweiteiliges Sportlertrikot getarnt, die mit ebenso hohen Beinausschnitten und Figur formenden Materialien wie Lycra oder Elasthan den Gesamteindruck von Langbeinigkeit vermittelten. Mit Beginn der 1980er Jahre kam auch das Oben-ohne-Baden in Mode. Parallel zu dieser freizügigen Entwicklung wurde immer öfter auf altmodische Badeanzugmodelle mit Schößchen und Rüschen zurückgegriffen.

Diamanten, Gold und Kuchenformen – Die innovativen 1990er Jahre 

Die Bademode der 1990er Jahre war so innovativ wie nie zuvor. Bikinis und Badeanzüge wurden in allen erdenklichen Farben, Mustern und Formen getragen. Kreative Zweiteiler aus Gras oder Kuchenformen trafen auf mit Diamanten und Gold besetzte Bikinis. Die Grenze zwischen Bade- und Alltagskleidung verschwand zunehmend, da Bikinioberteile und BHs nun auch zur Jeans oder über dem T-Shirt getragen wurden. Ende der 1990er Jahre wurden die Bikiniunterteile so knapp wie nie: Der Venushügel wurde gerade so bedeckt und der Beinausschnitt reichte nicht selten bis zur Hüfte.

Als Alt mach Neu – Die bunte Mischung der 2000er Jahre 

Anfang der 2000er Jahre stand der Bauch wieder im Mittelpunkt der Bademodendesigns. Raffinierte Quer- und Längsstreifen verbanden Bikini-Ober- und Unterteile und unkonventionelle Trägerkreationen strukturierten Hals und Hüfte. Traditionelle Materialien wie Wolle wurden neu interpretiert und mit synthetischen Stoffen kombiniert. Auch die klassischen Bikini-Dreiecke wurden erstmals durch markante Vierecke ersetzt. Kurvige Stars und Sternchen wie die US-amerikanische Sängerin Beyoncé Knowles brachten die Sanduhrfigur wieder in Mode, weshalb weibliche Rundungen auch in der Bademode wieder gekonnt in Szene gesetzt wurden.  

Schönheit bedeutet Vielfalt – Die Bademode der Gegenwart 

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich heute auch in der Bademode wider. Für viele muslimische Frauen hat sich der Burkini etabliert, eine Art Ganzkörperbadeanzug, welcher mit Burka getragen wird. Dieser ermöglicht Frauen, die aus religiösen Gründen ihren Körper im Alltag bedeckt halten, u. a. als Rettungsschwimmerinnen tätig zu sein. Der Bademode der Gegenwart sind keine Grenzen gesetzt: getragen wird, was gefällt. Auch noch über 70 Jahre nach seiner Geburt steht der Bikini in allen möglichen Schnitten, Formen und Designs im Rampenlicht und wird von Influencern wie Emily Ratajkowski als feministisches Statement zelebriert. Der Fokus des 21. Jh. liegt auf einer positiven Körperwahrnehmung und dem Loslösen von der Idee, dass nur Figurtypen, die dem Schönheitsideal entsprechen, als attraktiv gelten können.